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Vier Tage unterwegs mit der Fastenaktion „7 Wochen mit"

Von krummen Möhren, riesigen Papierrollen, kleinen und großen Fragen zu beherzter Andacht und gemeinsamem Mahl

07.04.2014 | Vom 3. bis zum 6. April war Jutta Boysen zwischen Wilhelmsburg, Glückstadt, Teschendorf und Rostock unterwegs, um beispielhaft zu erleben, was im Rahmen von "7 Wochen mit" in der Nordkirche passiert.
Begleiten Sie sie auf diesem Streifzug.

Altpapiersammlung_Hof der Firma Steinbeis_Jutta Boysen

Tag 1: „BIO? – Logisch!“ im Alten Pastorat der Kirchengemeinde Kirchdorf in Wilhelmsburg

„Wie kann es sein, dass Bio-Möhren alle so gerade sind, wo doch früher in unserem Garten, die Möhren immer schief und krumm waren.“  Diese Frage gab den Anstoß, zu einem zeitlich besonderen Termin einzuladen: vormittags um 11 Uhr, damit einerseits Mütter mit ihren Kleinkindern (nach der Krabbelgruppe) und andererseits ältere Menschen, die abends nicht gerne Gemeindeveranstaltungen besuchen, dabei sein konnten. Drei  junge Mütter, zwei ältere Damen, die Pastorin und ich waren versammelt.  Was biologischer Anbau bedeutet, wurde anhand der Bio-Teebäuerin Sumithra Ranasinghe aus Sri Lanka verdeutlicht. Und dann fragten wir uns, welche Kriterien für den täglichen Lebensmitteleinkauf uns die wichtigsten sind. Das galt es abzuwägen zwischen biologisch und regional, denn lange Transportwege schienen uns im Widerspruch zu biologischen Anbau zu stehen. Dazu kam die Frage der Verpackung und Weiterverarbeitung, da galt eindeutig „weniger ist mehr“. Fertig geworden sind wir nicht, ein Anfang des Austausches zwischen Generationen ist gemacht.

Tag 2: „Papier mit besten Werten“ - Betriebsbesichtigung bei Steinbeis

Eingeladen hatte die Ökumenische Arbeitsstelle „Weitblick“ und das Frauenwerk im Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein und 34 Interessierte aus verschiedenen Arbeitsbereichen der Kirche bzw. aus Kirchengemeinden fanden sich an einem echten Schmuddelwettertag auf dem Werksgelände in Glückstadt ein. „Papier mit besten Werten“ lag auf jedem Stuhl. Überzeugend war die Erläuterungen von Birgit Thiel zu diesen Werten im Bereich von Ressourcenschonung  bzw. –Einsparung. Erschreckend war es zu hören, dass bislang nur 14% der Büropapiere in Deutschland 100% Recycling-Papier sind. Beeindruckend waren der Rundgang durch das Werk mit seiner riesigen Papiermaschine und die scheinbare Leichtigkeit mit der am Ende eine Papierrolle von Marathonlänge in die Lagerhalle rollte. Hier wird aus regionalem Abfall (siehe Foto) ein regionales Produkte erstellt, das wir in Zukunft in jeder Gemeinde und Einrichtung der Nordkirche finden sollten.

Tag 3: „Regional und global“ - Biofrisch Nordost in M-V und Oikocredit weltweit

Das Rahmenprogramm der Mitgliederversammlung des Oikocredit Förderkreises Norddeutschland e.V. bot die Gelegenheit, durch die Tür des Hofladens in Teschendorf bei Rostock zu schreiten (Auf unserer Website ist sie geschlossen zu sehen!). Hier ist nach und nach aus einem Marktstand im Nebenerwerb ein Betrieb mit 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Vollzeit und Teilzeit) entstanden, der konsequent auf Bioanbau setzt, selber 75 ha Acker- und Grünland bewirtschaftet. Der besondere Verdienst von Biofrisch Nordost liegt meines Erachtens in der Schaffung eines Erzeugernetzwerkes, das auch kleinen Familienbetrieben die Vermarktung ihrer Produkte ermöglicht. Anschaulich wurde uns von Dorothee Bölling erzählt, wie das Abholen von Produkten vor Ort verknüpft ist mit der Auslieferung an Kunden. Die stärkende Suppe vor der Mitgliederversammlung von Oikocredit wurde uns passend von immer & grünes, einem Kunden von Biofrisch Nordost, serviert. Daneben präsentierte der Weltladen Rostock vornehmlich fair gehandelte Waren von Genossenschaften, die von Oikocredit-Krediten profitiert haben. Jerry Kwo, bei Oikocredit zuständig für den Förderschwerpunkt Landwirtschaft in afrikanischen Ländern, lud die 100 versammelten Mitglieder ein, ihn bei seiner Arbeit, nämlich der Beurteilung des Finanzierungsantrags einer Kooperative in Nigeria, zu unterstützen. Anhand von Förderkriterien, dem Bedenken von Jahreszeiten und kulturellen Besonderheiten verknüpft mit einem System von Punkten und Prozentsätzen wurde allen deutlich, wie sorgfältig, beratungsintensiv und entsprechend langwierig solch ein Bewilligungsprozess ist. Bilanz: unser Geld – 27 Mio Euro – wird verantwortungsvoll eingesetzt! Und dass Oikocredit verstärkt Unternehmen entlang der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette finanzieren will, überzeugte nicht nur mich! 

Tag 4: Gottesdienst in der Petrikirche Rostock mit anschließendem Fair-Regionalen Brunch!

Am Anfang stand für mich die Belehrung: am 5. Sonntag der Fastenzeit beginnt die eigentliche Passionszeit – die vergangenen Wochen seit Aschermittwoch waren eine Vorbereitung auf die folgenden zwei Wochen, in denen traditionell die Bilder in den Kirchen verhängt wurden und auch die Augen fasteten. Dazwischen freute es mich, mir aus unseren Materialien bekannte Gebete neu zu hören und in mir neue Lieder einzustimmen. Und am Ende entließ uns Pastor Scholl mit einem Auftrag für jeden Tag: „Lasst uns weniger dafür tun, uns zu verewigen. Christus hält uns eine Stelle in der Ewigkeit frei. Lasst uns mehr das Zeitliche segnen.“ Habe ich das richtig verstanden als Ermutigung, an jedem Tag der nächsten Wochen „einander Gutes zu tun und an der Gemeinschaft festzuhalten“ (Vers 16 des Predigttextes)? Von den über hundert Gottesdienstbesucher_innen fand sich der größte Teil anschließend im Zentrum kirchlicher Dienste zum gemeinsamen Genießen eines Fair-Regionalen Brunchs ein. Als das Büfett  fast leer war, saßen immer noch Menschen in angeregten Gesprächen zusammen und auch der Verkaufsstand des Weltladens Rostock machte fand großen Anklang. Gänzlich abgeräumt waren die Blätter mit den Rezepten vegetarischer Brotaufstriche aus fair gehandelten und regionalen Zutaten. Die Ökumenische Arbeitsstelle im Kirchenkreis Mecklenburg und die Rostocker Innenstadtgemeinde hatten Gottesdienst und Brunch gemeinsam geplant und vorbereitet; hier wurde einmal sehr greifbar, wie fruchtbar die Zusammenarbeit von Kirchenkreiswerken und Ortsgemeinde sein kann.

Jutta Boysen